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Myofasziale Dysfunktionen beim Pferd – wenn der Körper in Kompensationen feststeckt

Myofasziale Dysfunktionen beim Pferd – wenn der Körper in Kompensationen feststeckt

Bewegung ist weit mehr als das reine Zusammenspiel von Knochen, Gelenken und Muskeln. Jeder Bewegungsablauf eines Pferdes entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel aus Muskeln, Faszien, Nervensystem und biomechanischen Zusammenhängen im gesamten Körper. Gerät dieses fein abgestimmte System aus dem Gleichgewicht, können sogenannte myofasziale Dysfunktionen entstehen.


Genau diesem Thema widme ich mich inzwischen intensiv – sowohl therapeutisch als auch im Training. Denn in meiner täglichen Arbeit als Pferdephysiotherapeutin, Osteopathin und Trainerin sehe ich immer wieder, dass viele Probleme nicht isoliert betrachtet werden können. Häufig steckt hinter Bewegungseinschränkungen, Verspannungen oder wiederkehrenden Lahmheitsbildern ein tiefer liegendes Kompensationsmuster im myofaszialen System.


Faszien haben dabei weit mehr Aufgaben als nur „Verpackung“ zu sein. Sie:

  • übertragen Kräfte im Körper

  • stabilisieren Strukturen

  • speichern elastische Energie

  • ermöglichen Gleitfähigkeit zwischen Geweben

  • sind reich an Rezeptoren und beeinflussen die Körperwahrnehmung


Gesunde Faszien sind elastisch, gleitfähig und belastbar.


Biotensegrales Pferdetraining

Kommt es jedoch durch Fehlbelastung, Schmerz, Trauma, Stress, Schonhaltungen oder ungeeignete Bewegungsmuster zu dauerhaften Spannungsveränderungen, kann das Fasziensystem seine optimale Funktion verlieren.


Dann sprechen wir von myofaszialen Dysfunktionen.

Diese können sich äußern durch:

  • erhöhte Spannung oder „Verhärtungen“ im Gewebe

  • eingeschränkte Beweglichkeit

  • reduzierte Schwingungsfähigkeit

  • asymmetrische Belastung

  • kompensatorische Bewegungsmuster

  • verminderte Rumpfstabilität

  • Leistungseinbußen oder diffuse Unklarheiten im Bewegungsbild

Das Entscheidende:


Das Problem sitzt oft nicht dort, wo die Symptome sichtbar werden.

Ein Pferd, das vorne fest wirkt, kann die Ursache im Brustkorb haben. Ein Pferd mit Problemen in der Hinterhand kann Kompensationen im Rumpf aufgebaut haben. Ein eingeschränkter Hals kann wiederum Ausdruck eines globalen Spannungsmusters sein.



Warum entstehen Kompensationsmuster?

Pferde sind Meister der Kompensation.

Wenn eine Struktur nicht optimal funktioniert, versucht der Körper dennoch, Bewegung zu ermöglichen. Andere Bereiche übernehmen zusätzliche Arbeit, um Einschränkungen auszugleichen.

Kurzfristig ist das sinnvoll — der Körper schützt sich.

Langfristig entstehen jedoch Muster, die zunehmend ineffizient werden.

Typische Ursachen sind:

  • Schmerzen oder Verletzungen

  • alte Traumata

  • unpassendes Equipment

  • ungünstige Hufbalance

  • reiterliche Einwirkung

  • unzureichender Muskelaufbau

  • mangelnde Rumpftragekraft

  • Stress und psychische Anspannung

Diese Kompensationen können sich über Monate oder Jahre festsetzen.

Das Pferd bewegt sich weiterhin — aber nicht mehr frei, ökonomisch und biomechanisch günstig.



Welche Anzeichen können auf myofasziale Dysfunktionen hinweisen?

Nicht jedes Pferd zeigt deutliche Symptome. Häufig sind die Anzeichen subtil.


Mögliche Hinweise sind:

  • Schwierigkeiten in Stellung und Biegung

  • Probleme beim angalloppieren

  • Taktunreinheiten ohne klare Lahmheit

  • Stolpern

  • eingeschränkte Oberlinie

  • wenig Schub oder Tragkraft

  • fehlendes Schwingen im Rücken

  • wiederkehrende Verspannungen

  • Probleme in Lektionen, die früher leicht fielen

  • Widersetzlichkeit oder Unwohlsein unter dem Sattel


Oft berichten Besitzer auch:

„Irgendetwas stimmt nicht, aber ich kann es nicht genau greifen.“

Genau hier lohnt sich der Blick auf das myofasziale System.



Warum reine Behandlung oft nicht ausreicht


Manuelle Therapie, Physiotherapie oder osteopathische Behandlung können Spannungen lösen und Bewegung erleichtern. Das ist häufig ein wichtiger erster Schritt.

Doch ein entscheidender Punkt wird oft unterschätzt:

Ein gelöstes Gewebe bedeutet noch nicht automatisch ein neues Bewegungsmuster.


Der Körper fällt ohne gezielte Reorganisation oft in alte Muster zurück.

Warum?

Weil das Nervensystem gelernt hat, Bewegung auf eine bestimmte Weise zu organisieren.

Wenn ein Pferd jahrelang kompensiert hat, braucht es mehr als Mobilisation. Es braucht neue Bewegungserfahrungen.

Hier entsteht die Schnittstelle zwischen Therapie und Training.


Wie Training myofasziale Dysfunktionen verändern kann

Gezieltes Training hilft dem Pferd, neue koordinative Lösungen zu finden.

Es geht nicht nur um Muskelaufbau.

Es geht darum:

  • Bewegungsqualität zu verbessern

  • Spannungsmuster neu zu organisieren

  • Wahrnehmung zu schulen

  • Stabilität und Mobilität auszubalancieren

  • effiziente Kraftübertragung zu ermöglichen


Das Pferd lernt, seinen Körper wieder anders zu nutzen.

Entscheidend ist dabei, dass Training nicht über Zwang funktioniert.

Nachhaltige Veränderung entsteht durch:

  • passende Reize

  • gute Dosierung

  • genügend Pausen

  • klare Bewegungserfahrungen



Biotensegrales Training – die Schnittstelle zwischen Therapie und Training

Für mich ist das biotensegrale Training eine der spannendsten Möglichkeiten, genau an dieser Schnittstelle zu arbeiten.

Dem Ansatz liegt das Prinzip der Biotensegrität zugrunde.


Biotensegrität beschreibt den Körper als ein System aus:

● kontinuierlicher Spannung

● diskontinuierlicher Kompression


Vereinfacht bedeutet das:

Der Körper stabilisiert sich nicht primär durch starres Halten, sondern durch ein dynamisches Gleichgewicht aus Zug- und Druckkräften.

Beim Pferd betrifft das den gesamten Organismus.

Kein Körperteil arbeitet isoliert.

Jede Veränderung beeinflusst das Gesamtsystem.

Genau deshalb kann eine Verbesserung im Rumpf die Vorhand entlasten.
Oder eine veränderte Spannung im Brustkorb die Hinterhandaktivität beeinflussen.

Biotensegrales Training nutzt gezielte Reize, um dem Pferd zu helfen:

●mehr Eigenwahrnehmung zu entwickeln

●den Rumpf funktioneller zu organisieren

●kompensatorische Muster zu verlassen

●neue Bewegungsoptionen zu entdecken


Was ich in der Praxis beobachte:

Mein persönlicher Zugang zu diesem Thema begann über meine Stute Ella.

An ihr durfte ich sehr eindrücklich erleben, wie stark die Arbeit am myofaszialen System Bewegungsqualität verändern kann.

Ich habe gesehen, wie sie:

● freier lief

● ihren Rumpf besser tragen konnte

● mehr Schwingung entwickelte

● elastischer in der Bewegung wurde


Diese Veränderungen haben meine therapeutische Arbeit nachhaltig geprägt.

Ich habe dadurch erkannt, wie wertvoll es ist, Behandlung und Training nicht getrennt zu denken.

Deshalb habe ich mich intensiv weitergebildet und diese Arbeit fest in mein Angebot integriert.

Seit diesem Jahr begleite ich auch meine Kunden gezielt in diesem Bereich.


Mein Ansatz

In meiner Arbeit kombiniere ich:

● Befundung und Analyse

● Physiotherapie

● Osteopathie

● myofasziale Arbeit

● individuelles Training


Mein Ziel ist nicht die kurzfristige Symptombehandlung.

Ich möchte verstehen:

●Warum bewegt sich das Pferd so?

●Welche Kompensationen bestehen?

●Welche Strukturen übernehmen zu viel?

●Welche Bewegungserfahrung fehlt?


Erst wenn wir diese Fragen beantworten, können wir nachhaltige Veränderungen schaffen.

Denn echte Verbesserung bedeutet nicht nur weniger Spannung.


Echte Verbesserung bedeutet:

mehr Bewegungsfreiheit, bessere Körperwahrnehmung und langfristig mehr Wohlbefinden im eigenen Körper.

Ein Pferd, das seinen Körper wieder funktionell nutzen kann, bewegt sich nicht nur schöner — es bewegt sich vor allem gesünder, leichter und oft deutlich zufriedener.



 
 
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